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Behinderte Eisbrecher

Wenn man wie ich einen Großteil seines Lebens im Zug verbringt, dann ist es vermutlich auch normal, dass man dort die besten und skurrilsten Geschichten erlebt. Dabei beeindrucken mich die Verkehrsbetriebe schon lange nicht mehr, sondern die Leute, die ich im Zug jeden Tag treffe. Der Zug, ein Stammtisch des 21. Jahrhunderts, ohne Bier, dafür mit Boulevardzeitung und einem noch viel größerem Publikum. Es ist eine unfreiwillige Zusammenkumft, ein notwendiger Kompromis, sich einen geschlossenen Raum zu teilen. Flucht ist praktisch gesehen ausgeschlossen.

Letztens sitze ich einem jungen Mädchen gegenüber, sie ist ungefähr 15 Jahre, wir sprechen nicht. Ich greife zu meiner Tasche und hole mein iPhone heraus, um lebensnotwendige Dinge zu machen, und da kommt sie, die Frage: “Hast du ein iPhone 4 oder ein 4s?”.
Bevor ich antworte, überlege ich, in welche Richtung sich das Gespräch jetzt entwicklen würde. Bin ich mehr der 4s-Typ, der auch nicht mehr wirklich außergewöhnlich ist, oder der 4er-Typ, der noch immer ein viel zu altes Handy verwendet (‘Was gefällt dir denn am 4s nicht?’). Meine Lieblingsantwort wäre ja ‘iPhone 5s’ gewesen, doch moralischen Werte hinderten mich. Aber ernsthaft: Welchen Unterschied macht es auch?

Und da bemerke ich, was es mit der Frage auf sich hatte, die mir schon gefühlte Tausend mal gestellt wurde: Sie ist ein Eisbrecher, es ist der behinderte Versuch, ein Gespräch zu beginnen (und im Gegensatz zu anderen Meinungen finde ich es keinesfalls schlecht, ein Gespräch zu führen). Das Problem ist nur, dass ich mich in einem Gespräch wiederfinde, welches ich nicht führen will. Es geht um iOS, Android, ‘Was ich vom iPhone 5 halte’ und ‘Warum ich kein iPad habe’ (‘Oh.. du hast ja wirklich eines!‘).
Früher fand ich einen Reiz in solchen Gesprächen, weil sie vor Dummheit strotzen und ich Ihnen Humor abgewinnen konnte. Heute nicht mehr.
Wenn mich also irgendwer jemals beeindrucken will, dann sollte man mit mir keinesfalls über mein Telefon reden – sondern über etwas ausgefallenes, überraschendes.

Ich bin Personalchefin von 8 Mitarbeiterinnen, aber bei deren Einstellung werden es bald weniger sein.‘, war da schon der bessere Eisbrecher.

Veröffentlicht am 26. Januar 2012.

Kommentare:

  1. Gernot Ohner am 26. Januar 2012

    1. Was ist los mit dir? Nicht die Contenance verlieren! Ich bin mir sicher früher einmal hätte dieser Artikel “Irrelevante Eisbrecher” geheißen.

    2. Wenn dir dieses Thema nicht gefällt, wäre es so schwer es zu wechseln? Ich kann es mir nicht vorstellen.
    Aber ich spreche nicht aus Erfahrung. Aufgrund mangelnder Attraktivität, oder weil ich – sei es durch Schlafen, Bücher oder Kopfhörer – beim Zug fahren fast immer irgendwie von der Realität abgeschottet bin, ist es mir noch nie passiert das ich angesprochen wurde.

    3. “oder der 4er-Typ, der noch immer ein viel zu altes Handy verwendet”
    Ich hoffe ich habe einfach nur den Sarkasmus übersehen.

  2. Sebastian Hojas am 27. Januar 2012

    1. Du hast recht.
    2. Du hast recht. Allerdings vergeht mir da sehr schnell die Lust, oder ich bin einfach nicht wirklich talentiert genug – Ich bin schuldig.
    3. Du hast recht.