irRELEVANT - ein kleiner Sammelplatz für Fotografie, Technik und viele andere Dinge, geführt von einem zielstrebigen Schüler und Gelegenheitsprogrammierer.

Behinderte Eisbrecher

26. Januar 2012, 2 Kommentare

Wenn man wie ich einen Großteil seines Lebens im Zug verbringt, dann ist es vermutlich auch normal, dass man dort die besten und skurrilsten Geschichten erlebt. Dabei beeindrucken mich die Verkehrsbetriebe schon lange nicht mehr, sondern die Leute, die ich im Zug jeden Tag treffe. Der Zug, ein Stammtisch des 21. Jahrhunderts, ohne Bier, dafür mit Boulevardzeitung und einem noch viel größerem Publikum. Es ist eine unfreiwillige Zusammenkumft, ein notwendiger Kompromis, sich einen geschlossenen Raum zu teilen. Flucht ist praktisch gesehen ausgeschlossen.

Letztens sitze ich einem jungen Mädchen gegenüber, sie ist ungefähr 15 Jahre, wir sprechen nicht. Ich greife zu meiner Tasche und hole mein iPhone heraus, um lebensnotwendige Dinge zu machen, und da kommt sie, die Frage: “Hast du ein iPhone 4 oder ein 4s?”.
Bevor ich antworte, überlege ich, in welche Richtung sich das Gespräch jetzt entwicklen würde. Bin ich mehr der 4s-Typ, der auch nicht mehr wirklich außergewöhnlich ist, oder der 4er-Typ, der noch immer ein viel zu altes Handy verwendet (‘Was gefällt dir denn am 4s nicht?’). Meine Lieblingsantwort wäre ja ‘iPhone 5s’ gewesen, doch moralischen Werte hinderten mich. Aber ernsthaft: Welchen Unterschied macht es auch?

Und da bemerke ich, was es mit der Frage auf sich hatte, die mir schon gefühlte Tausend mal gestellt wurde: Sie ist ein Eisbrecher, es ist der behinderte Versuch, ein Gespräch zu beginnen (und im Gegensatz zu anderen Meinungen finde ich es keinesfalls schlecht, ein Gespräch zu führen). Das Problem ist nur, dass ich mich in einem Gespräch wiederfinde, welches ich nicht führen will. Es geht um iOS, Android, ‘Was ich vom iPhone 5 halte’ und ‘Warum ich kein iPad habe’ (‘Oh.. du hast ja wirklich eines!‘).
Früher fand ich einen Reiz in solchen Gesprächen, weil sie vor Dummheit strotzen und ich Ihnen Humor abgewinnen konnte. Heute nicht mehr.
Wenn mich also irgendwer jemals beeindrucken will, dann sollte man mit mir keinesfalls über mein Telefon reden – sondern über etwas ausgefallenes, überraschendes.

Ich bin Personalchefin von 8 Mitarbeiterinnen, aber bei deren Einstellung werden es bald weniger sein.‘, war da schon der bessere Eisbrecher.


Winterlich

24. Januar 2012, 1 Kommentar

Und da will mir noch jemand erklären, ich muss nach Finnland fahren, um den Winter zu sehen. Einmal am Morgen aus dem Fenster schauen reicht vollkommen.


Es weihnachtet

25. Dezember 2011, 3 Kommentare

Und da saß ich nun in meinem Bett, schaute auf das bereits gewöhnlich gewordene Chaos, ein paar Kleidungsstücke dort, Zeitungen dort, und mittendrin irgendwo ein sehr überschaubarer Stapel an Geschenken. Es hatte etwas interessantes, am Tag nach dem Heiligen Abend aufzuwachen. Nach ereignisreichen Tagen wurde es für mich zu einem Ritual, stundenlang liegen zu bleiben um geschehenes Revue pausieren zu lassen.
Ob ich zufrieden war? Ich hatte, so muss ich zugeben, etwas erwartet – etwas ganz bestimmtes, was für mich zu Weihnachten nicht in Erfüllung ging. Im Grunde genommen bleiben wir doch ewig Kinder – unsere Wünsche ändern sich, aber noch immer haben wir einen Berg voller Erwartungen – diesmal ist es nicht mehr die große Lego-Burg, sondern eine Reaktion von einer bestimmten Person, ein Brief oder doch nur eine Geste. Ich dachte noch an die Worte, diesen eine Wunsch, den ich am Vortag bekam – ich sollte mich über die vielen kleinen Dinge erfreuen können.
Und die gab es – und trotzdem war ich sehr gut darin, mich auf diese eine Enttäuschung zu konzentrieren.

Dabei hatte ich vermutlich den geringsten Grund, Trübsal zu blasen. Ich verbrachte geniale Zeit und schaffte es, einem sehr ausgewählten Kreis an Personen den Tag zu erheitern. Ich hatte schon lange nicht mehr so viele Freude daran, Weihnachten mehr als ‘Schenken’ den ‘Beschenkt-zu-werden’ anzusehen. Ich hörte einmal, dass das Schenken die zehnfache Ladung an Glücksgefühlen frei setzt als das Beschenkt-werden selbst. Obwohl ich dieser These sehr skeptisch entgegensehe, glaube ich sehr wohl, dass die Aussage einen wahren Kern hat.

Und so saß ich noch immer in meinem Bett, dachte an ein bestimmtes Geschenk, welches gerade durch meine Lautsprecher dröhnte. Ein Freund schenkte mir ein Album, welches ich mir wohl nie im Leben gekauft hätte – aber ich fand es genial. Andere schenkten mir eine nette Summe an Geld, doch diese Scheine machten mich nie so glücklich wie die wirren Worte, die gerade aus meinem Soundsystem klangen:

Selbstmitleid selbst ohne Leid – es steigt unaufhörlich
auch in Maßen ist mit dir nicht zu spaßen und das stört mich


Lass uns über das Leben reden.

6. Dezember 2011, 3 Kommentare

Grundsätzlich kaufen sich gewöhnliche Kinder Eisenbahnen um zu spielen, doch ich konnte mit Gewöhnlichkeit und Populismus noch nie was anfangen. In meinem ersten Praktikum bekam ich die Möglichkeit bei einem Eisenbahnunternehmen als harter Kerl zu arbeiten, um mit Schweiß und Brandmarken Frauen zu beeindrucken – spätestens beim Anblick des Gehaltsschecks verpuffte dieser Eindruck wieder unwiderruflich.
Nächstes Jahr versuchte ich mich als Netzwerktechniker – vermutlich das informativste und interessanteste Praktikum dieser Reihe.
Die logische Erweiterung von ‘Schienen zu Kabel zu x’ war natürlich Code. Doch irgendwie wurde aus dem Programmierer-Dasein, eher durfte ich das erste Mal in meinem Leben als überaus schlecht bezahlter Kaffemacher arbeiten (nicht ganz zu unrecht schlecht, denn meine Fachkenntnisse in diesem Bereich halten sich ja auch wirklich in Grenzen).
Enttäuscht von diesem Abstieg (Schweiß und Frauen sind mir noch immer lieber als Kaffee) verließ ich am letzten Tag die Firma und beschloss so ein Praktikum nie wieder zu machen – nicht mal für das doppelte Gehalt. Daumen drehen war noch nie so mein Ding. Geschworen habe ich mir, dass es ein riesiger Fehler war, verlorene und unnütze Wochen – nicht mal Kaffeemachen habe ich gelernt. Scheiß. Firma.

Doch im Leben geht es nicht um falsche oder gute Entscheidungen, das wäre viel zu einfach. Von solchen Rückschlägen profitieren wir vermutlich am meisten. Im nächsten Jahr fasste ich den Mut mich mit selbständiger Programmierarbeit zu beschäftigen. Mäßige Erfolge und etwas kleinere finanzielle Erträge schlossen mein mehrwöchiges Projekt ab – bis ich nach ein paar Wochen Kontakt mit einer Firma aufgenommen habe, die bereit war, mit mir ein Projekt zu realisieren.
Nächstes Jahr das gleiche Spiel, diesmal mit eigener Firma und erstmals gerechter Entlohnung (Über Gerechtigkeit können wir dann ein anderes mal diskutieren).

Aber es sollte hier nicht über mein Leben gehen, sondern um das Leben. Als ich mein berüchtigtes Kaffeepraktikum abgeschlossen hatte, dachte ich, ich hätte meine schlimmste Jobwahl hinter mir. Im Nachhinein betrachtet wäre es mit einem mittelmäßigen Praktikum ganz anders gekommen – ich hätte vermutlich nicht den Mut gefasst, ins kalte Wasser zu springen (dort war ich zu dem Zeitpunkt vermutlich schon).
Auf den ersten Blick wirken Entscheidungen und Auswirkungen oft unglaublich negativ, sie scheinen unwiderruflich schlecht, hindernd oder unnatürlich. Meisten aber, sind es genau die Hindernisse, die uns prägen – sie erlauben uns einen Neuanfang zu wagen, eine neue Richtung zu gehen, alte Strategien zu überdenken – und dann – Bähm!